J�rgen Reichert malt Schachbretter und Friese. F�r einen Maler ist das Schachbrett als Hommage an Marcel Duchamp ein merkw�rdiges Sujet, denn Duchamp, Vater einer antiretinalen Kunst, verstand Schach als intellektuelle Ataraxie und Indifferenz gegen�ber �sthetischen Fragen. Schach dividiert die Bildfl�che zu gleichm��igen Iterationen � also Serien � anonymer und standardisierter Elemente. Schach als Muster entlastet also von bildnerischen Entscheidungen, befreit von Komposition im Sinne gespannten oder entspannten Gleichgewichts der Bildmotive. Schach ist, mit einem Begriff der amerikanischen Minimal Art, "non-re-lational", bezieht weder seine Teile aufeinander, noch das Ganze auf etwas au�erhalb seiner selbst. Schach ist in positivem Sinne reine Tautologie. Schach als Schwarz-Wei�-Wechsel ist optisch ohne Interesse. Erst die Instrumentierung mit Buntwerten erhebt retinalen Anspruch. Schach als Norm erlaubt die Untersuchung standardisierter Farbelemente in ihrem Verhalten zueinander. Schach bringt also das quecksilbrige Medium Farbe auf den Begriff. Nun ist Reichert weder ein Konstruktivist, noch ein Vertreter der Minimal Art, und auch die Untersuchungen der Optical Art interessieren ihn nicht besonders. "Wir konstruieren und konstruieren, und doch ist Intuition immer noch eine gute Sache" ... beruhigen wir uns, Konstruktiv gilt nicht f�r total. Die Tugend ist, da� wir durch die Pflege des ... Exakten Grund legten zur spezifischen Kunstwissenschaft, mit Einschlu� der unbekannten Gr��e x" schrieb Paul Klee, der sich mit dem Schachbrett ausf�hrlich auseinandersetzte. Da finden sich S�tze wie: "Durch gleichm��ige Gliederung ist das Fortschreiten progressionslos und ohne den Reiz des Zunehmens oder Abnehmens. Die Einzelformen bleiben jedenfalls stehen. Ich selbst komme vorw�rts, aber das Formenregulativ ist trotz Vielheit unproduktiv. Vermehrung bei Gleichma� ist innerlich Stillstand". Bei Reichert springt bildnerische Ungeduld aus dem anonymen Regulativ des Musters, sprengt das repetierende Gitter und bringt Bewegung ein. "Bewegung und Gegenbewegung sind me�bar an" und "vollziehen sich '�ber' dem strukturalen Rhythmus Schach". "Der dividuelleen Ma�darstellung stehen individuelle Farbhandlungen gegen�ber" (Spiller). Aber und vor allem: der mathematische Rhythmus wird nun organisch. Die urspr�nglich divisive Bildstruktur wird individuell, das hei�t unteilbar, undenkbar, sind pars pro toto und Fragment. Klee hatte zum Schachbrett notiert: "Bei allen diesen Zahlenreihen kann man Teile wegnehmen oder hinzuf�gen, ohne ihren rhythmischen Charakter, der auf Repetition beruht, zu ver�ndern. Der strukturale Charakter ist somit dividuell. Individuelle Gliederungen werden im Gegensatz zu den Strukturen nie bis auf I reduziert werden k�nnen, sondern bei Proportionen ... halt machen m�ssen". "Die Frage, ob dividuell oder individuell, wird entschieden durch un�bersichtliche Ausdehnung oder �bersichtliche Knappheit. Denn bei un�bersichtlicher Ausdehnung k�nnen Teilungen willk�rlich vorgenommen werden, ohne die vorliegende Gliederungsart zu st�ren. Bei �bersichtlicher Knappheit aber kann nichts durch Teilung wegfallen und auch nichts hinzutreten, ohne das Individuum zu ver�ndern oder es in ein anderes Individuum zu verwandeln". Reicherts Friese kehren zur Dividualit�t zur�ck. Die Simultaneit�t des Bildes ist in der Un�berschaubarkeit aufgehoben. Ablesbarkeit und Abschreitbarkeit und damit die Realzeit der Wahrnehmung kommen ins Spiel. Die Funktion des dividuellen Rastersystem im simultan �berschaubaren Bild war die Stabilisierung malerischer Spontaneit�t. Im Fries bedarf es dieser faktischen Setzung nicht, da das Auge beim Ablesen die Division optisch leistet, weil es immer nur ein quantum discretum wahrnimmt. Beim Schachbrett strukturiert der Maler, beim Fries der Betrachter. Folglich kann die Spontaneit�t des Malers alleine das Bild tragen. Diese Spontaneit�t ist eine kultivierte, gepr�gte. Am Beispiel der Landschaft - die Horizontalit�t der Friese mag daran erinnern - hat Reichert sich mit dem sp�ten Cezanne und dessen leuchtender, fast tonstufenloser Aquarellmalerei auseinandergesetzt. Das Festliche seiner Palette stammt von Matisse's augenf�llenden Bildern. Reichert arbeitet gestisch, doch nicht willk�rlich. Vom Rahmen, vom Bildrand her erobert er das Feld, umkreist die Mitte, schafft Spiegelungen und Vertauschungen, will Beziehungen, das Augenfest f�r den Betrachter.
Prof. Bernd Kerber