"Denn in den Farben und Formen sind elementare Kr�fte enthalten, st�rkere Urkr�fte als in den dargestellten Nachbildungen. Diese Urkr�fte geh�ren nur dem Sehbaren an und k�nnen ihrem Wesen nach nicht in beschreibende Begriffe gefa�t werden. Sie sind nicht der Mantel von Darstellungen, sondern das gegenst�ndlich Dargestellte ist in gewissem Sinn eine Maskierung der Urkr�fte."
Willi Baumeister in: Das Unbekannte in der Kunst Stuttgart 1947
Ohne die Maske eines gegenst�ndlichen Bildinhaltes, ohne den Anla� eines in Begriffen zu fassenden Themas zu malen, alles aus der Farbe zu nehmen und alles ihr anzuvertrauen, gleicht einem Balanceakt auf dem hohen Seil. In der Leere schwebend und ohne Halt mu� der Maler dennoch jedesmal einen Anfang finden: Entscheidung f�r eine erste Farbe, eine erste Struktur, eine erste Dynamik. Der Ansto�, ein Bild zu erfinden, f�llt oft schwer; ein kleines Wagnis und Abenteuer gegen Ungewi�heit und Unsicherheit will riskiert werden. Ein gro�er Teil der Bilder von J�rgen Reichert n�hert sich der Monochromie: nur fl�chtig und aus gro�er Distanz betrachtet, k�nnte man sie irrt�mlich f�r eint�nige Leinw�nde halten. Der alltagstrainierte Blick, der st�ndig aus einer Flut visueller Informationen und Ablenkungen das Wichtige selektieren mu�, reagiert oft nur auf den angelernten Symbolwert der Farben. Verkehrsampeln, Flaggen, Parteien, Waren-Design: im Alltag wird die Farbe auf einen Signalwert verk�rzt und auf eine kodierte Bedeutung reduziert. Ohne die kulturelle Gebundenheit der Farbwahrnehmung zu leugnen, versucht Reichert in seiner Malerei die Farben losgel�st von den konventionellen Vereinbarungen ihrer Bedeutung zu thematisieren. Seine Bilder betrachten, kann daher auch hei�en, den Ballast antrainierter Bedeutungen abzuwerfen. Die Bilder m�ssen nicht entschl�sselt oder gar gedeutet werden. Sie �ffnen ihren Farbreichtum als sinnliche Erlebnisquelle dem, der sie aus der N�he und Ferne anschaut. Wer sich in den pulsierenden und atmenden Ausschnitt versenkt, der wie die Verg��erung eines impressionistischen Farbgeflimmers wirkt, kann im Zur�cktreten auf einmal die Tiefe des Bildes erfahren. Dieses aktive Ertasten der Dimension Farbe mit den Augen, dem sich die scheinbar geschlossene Oberfl�che des Bildes wie das geheime Tor zu einem verzauberten Berg auftut, korrespondiert mit dem Proze� der Entstehung der Bilder. Der harmonische und abgerundete Farbklang, der den Betrachter anlockt, ist aus einer vielf�ltigen Instrumentierung komponiert. Die Farbe ist lebendiger Stoff, hervorgegangen aus einer Mischung der Elemente. Auf dem untersten Bildgrund reiben die verschiedenen Farben noch ihre Energien aneinander, erzeugen W�rme und Kraft f�r den k�nftigen Proze�. Die Malinstrumente, Pinsel von unterschiedlicher Breite, B�rsten, Kratzeisen und Quasten pr�gen in die Fl�chen bewegte Strukturen. In den immer neuen �bermalungen kristallisiert sich ein Farbton st�rker heraus; das Gef�ge der Striche wird feinmaschiger, gewinnt an Dichte und Tiefe. Die urspr�nglichen Energien werden geb�ndelt, ihre widerspr�chlichen Kr�fte vereinigt. Doch darf dabei wiederum nicht zuviel Gl�tte und keine zu leichtgewichtige Harmonie entstehen; Spannung mu� die Oberfl�che tragen, damit sie nicht in sich zusammenf�llt. Dieser Proze� verl�uft nicht immer gradlinig, er hat seine Winkel und T�cken. Mit jedem Pinselstrich trifft der Maler eine Entscheidung - oft sicher, manchmal versuchend, unzufrieden. Im Atelier des Malers stehen Leinw�nde, die noch in keine Ausstellung entlassen werden: sie sind in Reicherts Augen keine fertigen und gegl�ckten Bilder, und doch hat er in ihnen etwas ausprobiert und erfahren, was er f�r andere Bilder brauchte. Jedes Bild bezeugt die Geschichte seiner Entstehung. Es dokumentiert damit auch ein St�ckchen Selbstverwirklichung des Malers. Im Zeitalter der technischen Medien, die Abziehbilder von Wirklichkeit ins unendliche reproduzieren und beliebig simulieren, gewinnen Reicherts Bilder einen besonderen Wert durch ihre Authentizit�t. Sie halten den nebeneinander taumelnden Scheinwelten, in denen Abbild, Urbild und Fiktion zur Ununterscheidbarkeit verkommen, eine einmalige Realit�t entgegen. Die Sinne, die zu verk�mmern drohen, weil sie ihrer Aufgabe der Orientierung enthoben sind, finden in ihnen eine neue Quelle der Erfahrung.
Katrin Bettina M�ller